








Spiegelschrank Louis-XVI-Stil Mahagoni um 1890
Französischer Spiegelschrank des Historismus im Louis-XVI-Stil, gefertigt um 1880 bis 1900. Der Aufbau ist klar proportioniert und ruhig gegliedert: kannelierte Eckpilaster, ein durchlaufendes Würfelparkett-Fries und die schmalen Rahmenprofile fassen die verspiegelten Türen zu einer formal geschlossenen Front zusammen, die allein durch den geschnitzten Giebelaufsatz akzentuiert wird.
Historischer Kontext
Der Schrank mit verspiegelten Türen gehört zum festen Bestand bürgerlicher Schlafzimmereinrichtungen des späten 19. Jahrhunderts. Mit der Industrialisierung wurde Spiegelglas in größeren Formaten verfügbar und bezahlbar, sodass Spiegelflächen aus repräsentativen Räumen in private Wohnbereiche wanderten. Solche Schränke erfüllten dort eine doppelte Aufgabe: Sie nahmen Kleidung und Wäsche auf und ersetzten zugleich den separaten Standspiegel, was in den vergleichsweise kleinen Schlafräumen städtischer Wohnungen von praktischem Wert war. Die Kombination aus Schubladenteil und offenem Fachbereich verweist auf die damals übliche Aufbewahrung gefalteter Wäsche; hängende Garderobe setzte sich erst später flächendeckend durch. In Frankreich wurden derartige Möbel seriennah in spezialisierten Werkstätten gefertigt, wobei Furnier- und Einlegearbeiten eine aufwendige Massivholzbearbeitung ersetzten und repräsentative Wirkung zu kalkulierbaren Kosten ermöglichten.
Merkmale
Würfelparkett-Marketerie mit perspektivischer Wirkung an Schubladenfronten, Friesfeld und unterer Türfüllung, aus zwei unterschiedlich hellen Hölzern zusammengesetzt.
Geschnitzter Giebelaufsatz mit Maskaron und Blattwerk, flankiert von zwei gedrechselten Urnenaufsätzen.
Design
Historismus französischer Prägung mit deutlicher Louis-XVI-Anleihe: Die Gestaltung folgt einem architektonischen Aufbau aus Sockel, Korpus und bekrönendem Giebel. Kannelierte Pilaster betonen die Vertikale, die Türen sind streng symmetrisch gerahmt, gedrechselte Füße schließen den Korpus knapp ab. Die Ornamentik bleibt auf klar begrenzte Zonen beschränkt – Fries, Schubladenfronten, Giebel –, während die Flächen dazwischen unbearbeitet bleiben. Das geschnitzte Maskaron am Giebel entstammt dem Neorenaissance-Formenrepertoire und zeigt die für den Historismus typische Verbindung mehrerer Stilzitate an einem Möbel. Die Schmalheit des Korpus im Verhältnis zur Höhe verleiht dem Stück eine aufrechte, zurückhaltende Erscheinung.
Funktion
Früher: Aufbewahrung von Kleidung und Wäsche im bürgerlichen Schlafzimmer, zugleich Ersatz für einen separaten Standspiegel.
Heute: nutzbar als Garderoben- oder Dielenschrank, als Bücher- und Sammlungsschrank mit verstellbaren Böden oder als Aufbewahrungsmöbel in Wohn- und Ankleidebereichen.
Maße
H 210 cm, B 85 cm, T 38 cm
Material und Zustand
Vermutlich Mahagoni, massiv und furniert, mit hellen Holzeinlagen in Würfelmuster; Beschläge aus Messing, Türfüllungen aus Spiegelglas, Innenausbau mit verstellbaren Böden und drei Schubladen. Gut erhalten mit altersbedingten Gebrauchsspuren, sichtbarer Patina der Oberflächen und alterstypischen Spuren im Spiegelbelag. Geprüft, gereinigt und materialgerecht behandelt bei Kastellan; konstruktiv überprüft, stand- und funktionssicher.
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